Editorial

Antoine VAYER

 21 Jahre Arbeit sind nötig bis eine außergewöhnliche Idee zu einem Ergebnis und der Änderung von Denkweisen führt.  Auf diesem langen Weg stößt man oft auf das Gesetz des Schweigens, an die dicken Mauern der Scheinheiligkeit. Nun sind wir soweit. Wir liefern den Beweis:  21  Radprofi-Porträts auf den 21 „kultgewordenen“ Serpentinen des Anstiegs des Alpe d’Huez, der zur Hundertjahrfeier der diesjährigen Tour de France 2013 sogar gleich zweimal befahren werden muss. Ein toller Anlass, aber wie toll ist die „sportliche Leistung“ wirklich? Darauf sollen Sie, das Publikum, antworten.

 

Doping, was ist das? Laut Definierung ist das:

Permanenter  Gebrauch illegaler Substanzen oder Methoden zur Erhöhung physischer oder mentaler Leistungsstärken: Seiner eigenen Leistungen.

 

Während die Öffentlichkeit weiterhin die erste Begriffsbestimmung von Doping im Auge behält und Antidopingkontrollen vertraut, beschreibt dieses Magazin in allen Einzelheiten die zweite: Die physikalische Leistung.


Bekenntnisse wie „ Ich wurde niemals positiv getestet“ sollten ersetzt werden durch „Niemals hat mich der Radar auf der letzten Passbesteigung einer langen Bergetappe bei 430 Etalon-Watt erwischt.“


Beweise existieren in Form von tausendseitigen Berichten, wie zuletzt der Bericht der US-amerikanischen Antidopingagentur, welche die Armstrong-Affäre ans Licht gebracht hatte. Ebenso viele Beweise liefern Zoll- und Polizeikontrollen, die zur Ermittlung der „Festina“ und „Fuentes“ Affären und Prozessen geführt hatten.


Täuschungsbeweise liegen uns vor. Stellen Sie sich vor Christophe Lemaitre, der erste „weiße“ Sprinter, der den 100- Meter-Lauf  mit einer Bestzeit von weniger als 10 Sekunden gelaufen ist, würde ihn plötzlich in 9,60 Sekunden schaffen!  Sie würden in die Luft springen! Im Radsport können wir die „Ben Johnsons“ mit einer Leistungseinheit messen: In Watt anstatt  Sekunden. Ich springe schon seit 21 Jahren in die Luft.  Ich habe dieses Magazin gemacht und schlage Ihnen vor: Entdecken und messen sie die Leistungen selbst.

Ich berufe mich auf Indikatoren: Bergtouren sind Indikatoren für Doping. Auf den Pässen weht wenig Wind, keine Auswirkung des „Sogphänomens“ bei  nachgewiesenen Höhenunterschieden. Ideale Bedingungen für die exakte Berechnung der Muskelkraft jedes einzelnen Rennfahrers entsprechend seiner körperlichen Konstitution  sowie für die Aufstellung von „Radaren“. Diese in Watt errechnete Leistung ist der verlässlichste Faktor zur Bestimmung von vermeintlichen Dopingeinnahmen. Seit zwanzig Jahren trage ich in Gemeinschaftsarbeit mit meinen Mitarbeitern diese Daten zusammen, um sie anschließend methodisch auszuwerten. Zum Vergleich  zwischen einem „Fliegengewicht“ (Marco Pantani, 56 kg) und einem „Schwergewicht“ (Miguel Indurain, 80 kg) setzen wir einen genormten „Etalon-Rennfahrer“ mit einem Gewicht von  70 kg.  Die auf den Pässen gemessenen Leistungen haben zu einer Einteilung in drei Leistungsbereiche geführt: „Suspekt“ (ab 410 Watt), „unglaublich“ (ab 430Watt) und schließlich „mutiert“ (über 450 Watt). Diese Grenzwerte habe ich zum visuellen Verständnis dieses Magazins farblich zugeordnet. Das Magazin richtet sich an Zuschauer, Radprofis und Wissenschaftler und deren klarsichtige Kritikfähigkeit. So können wir aufzeigen wie das Tandem Hinault-LeMond, die zusammen „Hand in Hand“ die Sieger der Tour 1986 wurden,  bei acht Touren zehn Minuten länger beim Erklimmen eines Anstiegs von 13,8 km benötigten,  als Rennfahrer wie Pantani oder Armstrong. Sie haben 15-20% weniger Watt erzeugt, und dies unter Berücksichtigung der Progressionsdaten nach dem Stand der damaligen Technologie oder Trainingsarten. Das ergibt einfach keinen Sinn.


Auf den ersten Seiten erläutern wir unsere Methode. Wir haben alle Siegerlisten seit 1982 überprüft und können dadurch bedeutende „Doping-Epochen“ ans Licht bringen. Diese entsprechen den Leistungen und einer Mischung aus mehr oder weniger starken Dopingmitteln und –Methoden. Seit mehr als 20 Jahren stellen wir Radare auf, die an die verschiedenen Bedingungen des Wettrennens angepasst sind. Wir werden unser Konzept erklären.


Wir sind vermutlich die ersten, die  ein „Datenjournalismus“-Magazin herausgeben, welches außerdem mit Kommentaren und Darstellungen untermauert wird.


Anschließend präsentieren wir  die 21 Porträts der besten Radrennfahrer der letzten drei Jahrzehnte.  Sie werden gemäß ihren „Leistungen“ aufgeführt (siehe S.119), am Beispiel der 21 Serpentinen des Alpe d’Huez, die alle einen „geschichtsträchtigen“ Namen tragen. Wir werden Sie anhand unserer Listen und unserer Farbgebung kennzeichnen und umbenennen. Gelb, orange und rot als Leistungssymbole für suspekt, unglaublich und mutiert.


Die 21 Porträts sind folgendermaßen gegliedert:  Zuerst werden die besten Leistungswerte der Rennfahrer in Etalon-Watt-Radargeblitzt und farblich dargestellt; an zweiter Stelle stehen die „schöne Geschichte“ und „die andere Geschichte“,  dann folgen ein zeitloser Presseartikel,  der durch eine witzige Zeichnung von LUZ aufgeheitert wird und eine Rubrik „Er hat gesagt“, „Es wurde über ihn gesagt“, und schließlich eine oftmals überschwängliche Presseschau, welche die unterwürfige Komplizenschaft der Presse gegenüber den „Siegern“ widerspiegelt. Wir zeigen jedoch auch einige Porträts von Rennfahrern, die sich im „schlappen Bauch“ des Pelotons befanden und einen besseren Platz verdient hätten.


Um uns Hoffnung zu machen, präsentieren wir unsere sechs Radare 2013 zur Hundertjahrfeier der Tour de France. Naivität ist die Grundlage für den Dopinghandel. Sie können sich nun Ihre eigene Meinung bilden, auf Ihrer Couch zu Hause vor dem Fernseher, mit der Stoppuhr in der Hand mitmachen, so als würden Sie die Ben Johnsons oder Christophe Lemaitres mit der Stoppuhr messen, nicht wie die Pferdehändler, sondern wie ein Wissenschaftler. Sie können die vermeintlichen Stufen von Betrug, Lügen oder Diebstahl ganz einfach anhand der den Rennfahrern zugeordneten Farben, grün, gelb, orange oder rot, messen. Sie können sich bei Ihrer eigenen Passauffahrt auch zum Vergleich selbst messen.


Der wissenschaftliche Teil am Ende des Magazins wird letztlich auch die stursten Skeptiker überzeugen und einige Fragen beantworten. 


Das Magazin enthält ebenfalls Interviews mit Antidoping-Experten. Ihre Aussagen sind eine einzige Anklage.


Im Anschluss an die Lektüre dieses Magazins, würden wir uns darüber freuen, wenn Sie die Website www.alternativeditions.com besuchen würde, um weiter „mitzumachen.“  Ihre Meinung interessiert uns.


Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und bei der Tour 2013! Folgen Sie ihr mit  Der Beweis: 21 Porträts.


Antoine Vayer

Hinault, Dauphiné 1977

Die Leidenschaft für den Radsport oder ganz einfach nur die Anziehung für das Medienspektakel dieser Disziplin beginnt mit einem Bild, einem Schock, einem Indikator.  So wie das Bild von Bernard Hinault,  der bei dem Rennen von Dauphiné Libéré 1977  als einziger vorne lag und dann auf dem Pass de Porte stürzt. Der junge Bretone war zu Beginn seiner fünf Tour de France Siege ziemlich  draufgängerisch.  Trotz seines Sturzes,  hilft man ihm auf und schiebt ihn bis zum Endaufstieg auf die fürchterlich steile Bastille von Grenoble. Schließlich doch oben angekommen, erschöpft, blutend, sein Fahrrad  halb schiebend, halb fahrend, siegt er. Dieses Bild hatte eine Symbolwirkung. Es hat mich aufgerüttelt, wie viele andere. Aber inzwischen ist es nichts anderes als das Symbol eines Sports, der darauf wartet, dass man ihm die Hand reicht um ihn aus der Schlucht, in die ihn das Doping hineingeworfen hat, herauszieht.  Wir wünschen uns, dass dieses Magazin dem Radsport und seinen Rennfahrern dazu verhilft ihre Glaubwürdigkeit im Vergleich zu früheren und heute „weniger schockierenden“ Leistungen wiederzugewinnen um sich mit der Zukunft zu versöhnen. Im Französischen ist „Vélo“ * ein Anagramm für „Love“.  Soll dieser „heldenhafte Sport“ uns also im wahrsten Sinne des Wortes aufrütteln und wieder träumen lassen.

*Vélo, frz. Fahrrad


Antoine Vayer

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